Christoph von Zastrow über Günstige Prognose

Mai 20, 2007 · Posted in Filmschaffende, Interview, Kurzfilm 
christophvonzastrow

Foto: Christoph von Zastrow
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Der Film Günstige Prognose behandelt das schwierige Thema Kindermissbrauch und die juristischen Folgen. Das Drehbuch zum Film hat Christoph von Zastrow geschrieben und ist dabei tief in die Materie eingestiegen. Bereitwillig hat er mir einige Fragen zu seiner Drehbucharbeit beantwortet.

Interview mit Christoph von Zastrow
Drehbuchautor des Kurzfilms Günstige Prognose
:

Lieber Christoph, herzlich Willkommen bei Kinoplausch. Danke, dass du uns zu Deinem aktuellen Filmprojekt "Günstige Prognose" einige Hintergrundinformationen zur Drehbucharbeit lieferst. Lass uns doch gleich beginnen:

Kinoplausch: Der Film Günstige Prognose behandelt das schwierige Thema Kindermissbrauch. Von wem stammt die Idee zum Film?

Christoph von Zastrow: Die Idee zu dem Film stammt vom Regisseur Peter Ladkani, mit dem ich ja auch schon zwei andere Filme gemacht habe. Anlass war, so viel ich weiß, die Geschichte mit dem Mädchen, das in Dresden von einem Mann viele Tage gefangen gehalten wurde. Am Ende kam raus: Der Typ war längst bekannt als Täter. Frage: Warum konnte der einfach so unkontrolliert herum laufen? Peter hat mir von der Sache während einer Autofahrt erzählt. Wir haben uns dann an einem anderen Tag noch einmal im Münchner Vorstadtcafé getroffen. Inzwischen hatte Peter dann schon eine genauere Vorstellung und da wir inzwischen ein ziemlich gutes Team sind, sprühten wir vor Ideen.

Die Frage war: Was passiert wem und mit welcher Konsequenz. Eine schwierige Entscheidung war natürlich, wer unsere Hauptfigur sein würde. Die Entscheidung, die Gutachterin zu nehmen, folgte dann allerdings der Natur der Sache. Es war ganz klar die Figur mit dem stärksten Konfliktpotenzial. alexandra, die Psychologin, ist die einzige Person, die einen gewissen Handlungsspielraum hat, wenn man mal vom Täter absieht. Richter, Anwälte, Staatsanwälte, sie alle sind an Gesetze gebunden. In der Konsequenz tut es mir Leid, dass jetzt die Gutachterin allein die Dumme ist. Aber wir mussten natürlich ein bisschen überzeichnen. Auch um zu zeigen: Hier muss etwas getan werden. Ein (letztlich unkontrollierter) Gutachter allein ist eben oftmals zuwenig.

Kinoplausch: Ein schwieriges Thema – wie hast du dich dem Stoff genähert? Gab es Vorgaben?

Christoph von Zastrow: Die Vorgaben sind bei kurzen Filmen immer ähnlich: Nicht zu teuer, nicht über 15 Minuten, keine Nebenhandlungen. – Tatsächlich hat sich das Sujet als so schwerwiegend erwiesen, dass ich rasch weggekommen bin von allen Vorgaben. Anfangs hatte ich noch Sorgen, ob ich nicht zu lang geworden bin. Aber Peter hat mich immer weiter ermutigt und hatte auch immer neue Ideen. Am Ende wurden es glaube ich fast 25 Minuten.

Die Recherche schien anfangs leicht zu bewerkstelligen. Man hört ja allerorten von dem Thema. Dann aber habe ich schnell festgestellt, wie oberflächlich viele Informationen sind. Man gefällt sich in Gemeinplätzen und einer schreibt vom anderen ab. Vieles davon ist schlicht Medienmache. Aber auch die Statistik hilft kaum weiter. Denn wenn es heißt: In jeder Schulklasse sitzt ein betroffenes Kind, dann klingt das zwar gut, aber "es sieht nicht aus". Für mich war vielmehr interessant, wie lebt denn, denkt und handelt ein Herr K.? (K für Korselt oder Kinderschänder). Da bin ich schließlich auf erschütternde Dokumente wie den Bericht des Stern Redakteurs Manfred Karremann gestoßen. Hier ist ein Mann über Monate im Kinderschänder-Millieu – ja so etwas gibt es – abgetaucht, und hat etwas sehr Erschreckendes zu Tage gefördert: Auf jedem zweiten deutschen Kinderspielplatz sitzt ein Kinderschänder. Und dann wusste ich, das ist es. Das ist die Geschichte des Herrn K. . Verheiratet, mit Kindern, bürgerlicher Beruf, der nette Onkel von Nebenan. Und die andere Seite: ein Raubtier auf der Pirsch.
Es heißt ja immer, die meisten Missbrauchsfälle geschehen in der Familie. Das stimmt sicher. Aber: Diese Menschen laufen doch auch woanders herum. Sie suchen sich oftmals sogar bestimmte Berufe, bei denen sich in die Nähe von Kindern gelangen. So ein Mensch richtet sein ganzes Leben nach seiner abartigen Vorliebe ein. Und das zu zeigen, darum geht es unter anderem in diesem Film.

Kinoplausch: Welche Anforderungen stellt der Stoff an einen Drehbuchautoren? Was muss man als Autor beachten?

Da komme ich noch mal zu der Sache mit dem Konflikt. Wer hat den stärksten Konflikt? Von dort ausgehend muss sich die ganze Geschichte danach richten.
Eine andere Frage ist natürlich immer: Wie läuft es mit der Identifikation? Es gibt ja so Fernsehroutiniers, die der Meinung sind, dass nur sympathische Personen zur Identifikation taugen. Das ist absoluter Blödsinn. Alexandra zum Beispiel ist nicht sympathisch. Sie ist besserwisserisch, sie ist geradewegs stur und emotional vernagelt. Sie merkt nicht, wie sie manipuliert wird vom Täter. Aber wir fühlen doch mit ihr mit. Es ist ihre schwierige Situation, die uns dazu bringt, mit ihr zu fühlen.

Kinoplausch: Die Schauspieler haben für das Projekt auf Gage verzichtet – die Crew auch?

Christoph von Zastrow: Von den Kosten für den Film wollen wir lieber gar nicht reden. Wenn nicht alle Schauspieler, das Team und alle anderen Mitarbeiter verzichtet hätten, wenn nicht das ganze Material gesponsort worden wäre, und wenn die Produzenten nicht ordentlich dazugebuttert hätten, sähe der Film ganz anders aus. So aber ist er einfach wahnsinnig gut anzusehen. Großes Kino und ein echtes Prachtstück an Production Value.

Kinoplausch: Welche persönlichen Erwartungen verknüpfst du mit dem Projekt?

Christoph von Zastrow: Persönlich ist da zweierlei: Als Drehbuchautor und als Mensch. Als Mensch wünsche ich mir, dass einfach schon im Vorfeld mehr hingeschaut wird. Ich glaube einfach, dass Vertrauen zwar gut ist, Kontrolle aber besser ist. Ich glaube nicht unbedingt, dass härtere Strafen etwas bewirken. Wobei "Strafe" im engeren Sinn meiner Meinung nach überhaupt nicht nützt. Ich glaube, dass es nur die Kontrolle kann. Kinder sind den Erwachsenen ausgeliefert. Sie beschützen sie natürlich auch. Aber wer bewacht die Wächter?
Als Autor wünsche ich mir, dass wir es schaffen, den Film wie geplant in einer abendfüllenden Fassung zu realisieren. Regisseur Peter Lakani und ich arbeiten schon daran. Und wir haben schon guten Zuspruch von offizieller Seite bekommen. Das macht Mut.

Kinoplausch: Du warst in Hamburg und in München bei der Premiere dabei. Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Christoph von Zastrow: Zunächst einmal möchte ich Marietta Andreae danken. Ihre Presse- und PR-Arbeit war einfach sensationell. Die Premiere in Hamburg und auch in München hatte dadurch auch den Widerhall, den ein solcher Film verdient.
Was mich besonders freut: Während der Münchner Premiere kam es zu einer regelrechten Diskussion zwischen den Leuten auf der Bühne und den Zuschauern. Das war wirklich toll. Hier war Kino ganz nah am Leben dran. Da hat man das Gefühl: Wir haben bewegt.

Kinoplausch: Was wird dein nächstes Projekt sein?

Christoph von Zastrow: Ich arbeite immer an sehr vielen Projekten gleichzeitig. Auch mit Peter haben wir mehrere Eisen im Feuer. Projekte kommen voran und man erleidet Rückschläge. Das ist immer ein bisschen wie Mensch-ärgere-dich-nicht.
Neben der Langversion von Prognose arbeite ich an verschiedenen Fernsehstoffen. Und dann gibt es natürlich noch die Herzblutprojekte.
Nachdem bislang immer nur meine Liebesgeschichten realisiert bzw. gedruckt wurden (z.B. Der kalte Prinz), hab ich mit den "harten Themen" ein neues Fass aufgemacht. Das gefällt mir, endlich mal keine künstlerischen Abstriche mehr machen zu müssen und klar sagen zu dürfen, was meine Figuren meinen.
Ich arbeite gerade an einem Film, der in Deutschland und in Afrika spielt. Worum genau es da geht, kann ich noch nicht sagen, nur dass wieder Kinder eine wesentliche Rolle dabei spielen. Das Drehbuch steht bereits und ein Produzent ist auch schon gefunden. Jetzt bemühen wir uns darum, die besten Mitarbeiter, Schauspieler und ein ebenso hochkarätiges Team zusammen zu trommeln. Und die Resonanz ist enorm. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir mit dem Thema wirklich am Nerv der Zeit liegen.

Lieber Christoph, herzlichen Dank für das ausführliche Interview!


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